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Rechenschwäche/Dyskalkulie auf dem Gymnasium und der Realschule?

Erfahrungsbericht einer Abiturientin

„Ich stecke noch mitten drin, in der Mathe-Krise.
 
Es baut sich vor mir auf, wie meterhohe, unüberwindbare Wände und ich kann aus tiefster Seele sagen: "Ich hasse Mathe!"
 
Klar, das tun viele. Aber niemand so wie ich.
 
Ich fange von vorne an ...

Ueberschrift

Ich wusste gar nicht mehr so viel aus meiner Grundschulzeit, einige prägnante Dinge sind mir schon noch im Kopf, klar, aber das meiste hatte ich vergessen. Das dachte ich bisher. Jetzt denke ich, dass ich es einfach nur verdrängt habe.
 
Mein Bruder Michael, 7, weckt momentan wieder alte Erinnerungen in mir. Er ist jetzt in der 2. Klasse, in der bei mir die Probleme mit und wegen Mathe anfingen. Ich habe gerade das Gefühl, die Grundschulzeit noch mal durchmachen zu müssen.
 
An sich war ich immer ein glückliches Kind, das auch gern zur Schule ging. Ich war hervorragend im Lesen und Schreiben, so dass meine Schwierigkeiten in Mathe als nicht weiter wichtig angesehen wurden. "Das legt sich", war die Beruhigung von Seiten des Lehrkörpers. Aber es legte sich nicht; in Sachen Mathe ging es stetig bergab.
 
Meine Eltern waren immer schon beide berufstätig, so dass ich abwechselnd mit meiner Freundin Sarah nach der Schule mit zu ihr nach Hause ging (dann konnte meine Mama den ganzen Tag arbeiten) und mal ging sie mit zu mir (so dass Sarahs Mutter Vollzeit arbeiten konnte). Ich genoss das sehr, so war ich als Einzelkind trotzdem nie allein. Nachteil an der Sache: Sarah und ich waren im ständigen Vergleich und da schnitt ich in Mathe, wohl oder übel, schlecht ab.
 
Sarah war generell eine gute Schülerin und so wurden meine auffällig schlechten Mathe-Ergebnisse auf meine Faulheit zurückgeführt, was ich persönlich nie ganz verstand, da ich ja nicht weniger als sie lernte. Ganz im Gegenteil. Na ja, folglich musste ich neben den Mathe-Hausaufgaben (für die ich sowieso schon ewig brauchte) auch noch Extra-Übungen rechnen. Während Sarah also nach den Hausaufgaben mit unseren Freunden draußen spielen konnte, wurde ich mit Mathe an den Schreibtisch gefesselt.
 
Gott, es war die Hölle und einfach eine Strafe für mich, die anderen draußen spielen zu sehen und selbst bei den Aufgaben nicht weiterzukommen! Zuweilen hatte selbst Sarah Mitleid, wenn ich müde, verheult und völlig erschöpft über den Mathe-Aufgaben saß, und erledigte diese dann schnell für mich.
 
Da sich trotz meines Übens meine Mathe-Noten nicht verbesserten, wurde meine Mama immer ungeduldiger. Das ist mit eine der Sachen, an die ich mich wahrscheinlich immer erinnern werde: An die Ungeduld meiner Mutter, an die verärgerte Stimme meines Vaters, wenn er mit mir das am Tag zuvor Geübte wiederholte und ich nichts mehr wusste, an die schlechte Stimmung zuhause, und ich werde mich auch immer an den mich ständig begleitenden Kloß in meinem Hals erinnern.
 
Als das Üben alleine keinen Erfolg versprach, wurde zu härteren Maßnahmen gegriffen. Sprich: Papa wurde hinzugezogen.

 

Mein Papa, eigentlich sehr ruhig und geduldig, erbarmte sich, mit mir zu "üben", wenn er von der Arbeit kam. Das war der Horror. Sobald ich den Schlüssel in der Haustür hörte, bekam ich Herzrasen, Schweißausbrüche und der Kloß in meinem Hals bekam ungeahnte Dimensionen. Ich wollte meinen Papa nicht enttäuschen und ich gab mir alle Mühe, als er sich dann zu mir an den Schreibtisch setzte. Aber ich konnte mich nur schwer auf die Aufgaben konzentrieren und schweifte in Gedanken immer mehr ab, was meinen Papa rasend machte.


Ich sah einfach keinen Zusammenhang oder Gemeinsamkeiten zwischen allen Aufgaben, die ich rechnete, und verzweifelte an meiner Unfähigkeit. Vor Wut über meine augenscheinliche Unkonzentration erhob mein Papa die Stimme und ich brach in Tränen aus.
 
Ich weinte meine ganze Verzweiflung heraus, was jedoch von meinem Papa nie so verstanden wurde. Er dachte, ich sei einfach lustlos. Aber in solchen Momenten war ich einfach am Ende, ich wollte ja niemandem was Böses und verstand auch gar nicht, warum alle Mathe konnten – nur ich nicht.
 
Teilweise war ich gar nicht in der Lage, meine Hausaufgaben zu erledigen, so dass meine Mama diese dann machte. Ich glaube, sie fing da schon an zu resignieren.
 
Dieses Gefühl, was ich zu Hause in bezug auf Mathe verspürte, schlich sich nach und nach auch in die Mathe-Stunden in der Schule ein. Ich saß da mit meinem Mega-Kloß im Hals und während alle bei dem Vorschlag des Lehrers, "Eckenrechnen" zu spielen, jubelten, wünschte ich mich ganz ganz weit weg. So weit kam ich jedoch nie, weil ich die Einzige war, die nicht eine Ecke weiter kam, und ich so von Spielrunde zu Spielrunde erneut mitspielen musste.
 
Es schlichen sich bei mir nach und nach ernsthafte Selbstzweifel ein und ich fand mich selbst als dumm (im übrigen ein Gefühl, dass sich über Jahre konstant hielt).
 
Dann kam das Einmaleins.
 
Meine Mama, in der ständigen Panik, dass ich nun endgültig den Anschluss verliere, "erpresste" mich. Lernte ich innerhalb der Sommerferien alle Reihen, bekam ich die von mir so sehnlich gewünschten Meerschweinchen. Also lernte ich alles auswendig.
 
Mama fragte mich regelmäßig ab. In etwa so:
 
"Was ist 9 mal 7?" – "63". "Und 7 mal 9?" – "Och Mama, keine Ahnung. Die 9er-Reihe hab ich noch nicht gelernt."
 
Und so trollten sich Ende der Ferien zwei Meerschweinchen auf unserer Wiese, was Mama zu der Überzeugung brachte, dass ich ja kann, wenn ich nur will, und ich bloß meinen inneren Schweinehund überwinden müsste. Mich brachte dies zu der Überzeugung, dass das alles mit Auswendiglernen klappt, und ich entwickelte das zu meiner neuen Taktik. Ich wurde die beste Auswendiglernerin überhaupt und merkte mir ganze Lösungswege, einfach, weil ich wusste, dass ich sie rechnerisch eh nicht lösen können würde. Die "mit-Papa-lernen-Methode" wurde übrigens nicht abgesetzt und hielt sich so die Grundschulzeit hindurch.
 
Als Größen und deren Umrechnung eingeführt wurden, kam mein Gedächtnis langsam an seine Grenzen – so viel konnte ich nicht auswendig behalten und die Umrechnerei ergab für mich schlicht gar keinen Sinn. Ich habe es dann einfach gelassen, das zu lernen. Mit ein Grund, warum ich Physik so früh es ging abgewählt habe.
 
Ja – aber nicht nur mein Gedächtnis, auch mein armer Papa kam immer mehr an seine Grenzen und nachdem er mir nun jeden Abend Mehl zu Anschauungszwecken abgewogen hatte, reichte es auch ihm.


Trotz all dieser Probleme wurde ich fürs Gymnasium empfohlen, wo ich mit 10 Jahren mit viel Vorfreude hin wechselte. Hätte ich da schon gewusst, was mich noch erwarten würde ...
 
Nun gut, frohen Mutes wechselte ich also zum Gymnasium.


Es lief ganz gut, jedenfalls in allen anderen Fächern bis auf Mathe. Ich konnte im ersten Halbjahr der Klasse Fünf (meinem Gedächtnis sei Dank) meine Grundschul-Mathe-3 halten, meine Leistung ließ aber schon zu diesem Zeitpunkt nach.
 
Als ich dann allerdings im zweiten Halbjahr mit einer schweren Lungenentzündung Monate krank war, war meine Krankenhauslehrerin und spätere private Nachhilfe-Lehrerin meine absolute Rettung. Sie brachte mich von Arbeit zu Arbeit  –  weitere  2 Jahre lang. Doch als Bruchrechnung und Dezimalzahlen dazu kamen, konnte ich das mit dem Auswendiglernen vergessen.
 
Ich habe sie für ihre Engelsgeduld geliebt und war bitter enttäuscht, als beschlossen wurde, ich bräuchte ihre Hilfe nicht mehr. Sie war in meinen Augen die erste, die mich unterstützen konnte und mir eine Hilfe war. Ich fühlte mich auf einmal wieder ganz allein gelassen, ohne eine führende Hand. Ohne Hilfe, dafür mit einer neuen Mathe-Lehrerin, die ihrem Ruf einer strengen und harten Lehrerin alle Ehre machte.
 
Super! Da bereits nach der ersten Arbeit klar war, dass ich ohne Nachhilfe diese Schule nicht überleben würde, verschliss ich in den folgenden Jahren einige Nachhilfen, ohne auch nur irgendeinen Erfolg zu verbuchen. Ich fühlte mich einfach ohnmächtig, war nicht in der Lage, etwas gegen meine mathematischen Niederlagen zu unternehmen. In der Zwischenzeit war ich im Übrigen auf einer Beton-6.
 
Ein Spitzen-Gefühl, wenn die Arbeiten zurückgegeben werden und der ganzen Klasse klar ist, wer die einzige 6 hat. Du fühlst dich wie der letzte Idiot. Oder noch schlimmer.
 
Da ich nicht in der Schule wohnte, gab es da noch einen anderen Ort, wo ich meine Noten beichten musste. Schon auf dem Weg von der Schule zur Bushaltestelle wurde mir ganz flau im Magen, mir entwich jegliche Farbe aus dem Gesicht, mir war schlecht, ich habe gleichzeitig geschwitzt und gefroren und mir in Gedanken genau die Erklärung für meine Mama zu Hause zurechtgelegt. An der Haustür angekommen, brauchte ich jedoch gar nichts mehr zu sagen, meine Gesichtsfarbe verriet mich.


An solchen Tagen war die Luft zu Hause dicker als dick, die Nerven meiner Mama zum Zerreißen gespannt und ihre Laune auf dem Tiefpunkt.
 
Ich habe dann nur zugesehen, dass ich mich möglichst bedeckt halten kann, um ja keine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Das heißt im Zimmer verschanzen, nur zur Toilette gehen, wenn kein Weg mehr daran vorbei führt, Gefahrenzone Küche und Wohnzimmer meiden. Das waren dann solche Tage, an denen ich durchgeheult habe.
 
Durch meine starke Polarisierung auf nur das eine Fach ging der Rest enorm in den Keller; generell lässt sich sagen, dass ich in fast allen Fächern ein bis zwei Noten absackte, was mich nicht gerade aufbaute. Die Tränen zu Hause wurden immer häufiger und später zur Normalität (manchmal heute noch). Da auch meine Mathelehrerin meine Ergebnisse in Relation zu dem Lernaufwand, den ich betrieb, nicht normal fand, unterrichtete sie meine Eltern über Dyskalkulie (so hart war sie nämlich gar nicht).
 
Meine Eltern ergriffen diese "Chance", um mir meine schulische Laufbahn zu sichern, und informierten sich über die Matheschwäche. Völlig ahnungslos kam ich mit meiner Mama nach Dortmund zu dem Testgespräch. Ich hatte wahnsinnige Angst davor, bei dem Test total zu versagen und nichts zu können. Da hatte ich die Einstellung meines Therapeuten noch nicht kennen gelernt.
 
Ich fühlte mich so wohl da, für mich brach ein völlig neues Mathe-Gefühl an. Kannte ich bisher gar nicht, dass man auch sagen kann, das man etwas nicht versteht, obwohl es einem bereits fünfmal erklärt worden ist! Das war großartig für mich und ich habe mich da gleich geborgen und das erste Mal einfach nur verstanden gefühlt. Vom MLZ bekommt man als Neuankömmling gleich das Gefühl, dass man normal ist. Und das ist nach Jahren der Misserfolge die größte Selbstbestätigung, die einem irgendjemand geben kann.
 
Ja, ich bin, wie so schön gesagt wird, ein ziemlich "harter Brocken" in bezug auf das Festhalten an meinen alten Lernweisen. Ich kann mich selbst nach einigen Jahren im MLZ nur schwer darauf einlassen, nicht nach Schema zu lernen. Ich traue meinen eigenen Fähigkeiten einfach nicht über den Weg.
 
Auch wenn ich mir mit der Zeit eine enorm dicke Haut zugelegt habe – in bezug auf Mathe –, gibt es auch heute noch schwache Momente, in denen ich es einfach nicht akzeptieren will, warum immer ich die schlechte Schülerin in Mathe bin und in denen ich verzweifle und einfach heule. Dann gibt es aber zum Glück meine Eltern, die mich dann auffangen und die sich selber auch wieder gefangen haben. Ich denke, dass es ihnen (und der Luft zu Hause) gut getan hat, die Verantwortung ans MLZ abzugeben. Übrigens sind die anderen Fächer notenmäßig wieder auf ihrem alten Stand.
 
Ich erwarte gar nichts mehr von Mathe; auch seitdem meine Mama einfach eingesehen hat, dass es nichts bringt, mir Verbote aufgrund von Noten zu erteilen, weil ich in Mathe in meiner Schullaufbahn einfach auf keinen richtig grünen Zweig mehr komme, ist die Stimmung zu Hause gut.
 
Bloß wenn es beispielsweise aufgrund der Hausaufgaben meines Bruders Michael laut wird und ich sehe, was er momentan im Unterricht macht, kommt meine Erinnerung an dieses Kapitel wieder hoch und ich spüre oft noch das alte Unwohlsein, wenn meine Eltern die Stimme heben wie bei mir früher, wenn meine Lernergebnisse eher negativ bis gar nicht ausfielen. Dann ist der alte Kloß wieder in meinem Hals und ich spüre die gleiche Angst wie vor 10 Jahren.
 
Ich habe augenblicklich das Bedürfnis ihn zu beschützen, nicht nur weil es mein Bruder ist, sondern weil ich ihn vor dem schlechten Gefühl, dass ich so lange hatte und oft noch habe, bewahren möchte ...
 
Naja, ich habe für mich mit Mathe abgeschlossen. In 4 Tagen schreibe ich die letzte Mathe-Klausur meines Lebens und dann gibt's 'ne Party!
 
Und ich finde, die habe ich mir verdient!
 
 
Carolin hat im Abiturzeugnis in Mathe ein Ausreichend erreicht. Heute (2009) studiert sie Sonderpädagogik mit den Schwerpunkten Englisch, Deutsch und Gebärdensprache.

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