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Was ist eigentlich Dyskalkulie?

Der Begriff in der Wissenschaft

Es gibt mittlerweile mehrere wissenschaftliche Disziplinen, die sich mit dem Phänomen einer Dyskalkulie (auch unter den Begriffen Rechenschwäche oder Arithmasthenie geführt) beschäftigen. Forschungen werden in den Bereichen

- der Neurologie
- der Neuropsychologie
- der Psychologie
- der Pädagogik (Didaktik)
- der Sonderpädagogik

betrieben.

Je nach Ansatz der einzelnen Disziplinen existieren mittlerweile unterschiedliche Theorien und Definitionen zum Thema Rechenschwäche (Dyskalkulie) sowie deren mögliche Ursachen. Während beispielsweise die Neuropsychologie von einem Teilleistungsstörungsmodell ausgeht, das bedingt ist durch einen Ausfall von vielfältig miteinander verknüpfter Basisfunktionen, hat sich in der Pädagogik und auch in der pädagogischen Psychologie insbesondere aber in der Mathematik-Didaktik der Begriff einer Teilleistungsschwäche durchgesetzt (vgl. Remschmidt, Deutsches Ärzteblatt 88, 1991). Alle Ansätze haben für sich genommen sicherlich ihre Berechtigung. Zu einer übergreifenden einheitlichen Theorie sowie Definition des Phänomens ist es aber bis jetzt noch nicht gekommen.

Auch über die Ursachen einer Rechenschwäche herrscht zur Zeit weitgehend Unklarheit und Uneinigkeit. So geht LORENZ davon aus, daß einer Rechenschwäche unter anderem visuelle Wahrnehmungsstörungen zugrundeliegen könnten. PIAGET und KUTZER legen in ihren Beiträgen großen Wert auf die Entwicklung pränumerischer Fertigkeiten in der Vorschulzeit. Nicht unberücksichtigt muß auch das soziale Gefüge bleiben, in dem das Kind aufwächst, das ebenfalls eine Rolle bei der Entwicklung einer Rechenschwäche zu spielen scheint.

ELLROT formuliert seine Definition einer Rechenschwäche analog zur Legasthenie:

"Dyskalkulie ist die Bezeichnung für Schwächen beim Erlernen von ZahlenQuantitäten in Zahlen fassen) und Rechnen (operieren mit Zahlen), die weder auf eine allgemeine Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung, noch auf unzulänglichen Unterricht zurückgeführt werden können."

Diese Definition einer Rechenschwäche (Dyskalkulie) deckt sich weitgehend mit der Beschreibung, wie sie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in der ICD 10 (Internationale Klassifikation von Krankheiten und Entwicklungsstörungen) unter dem Punkt F 81.2 beschrieben hat:

"Diese Störung beinhaltet eine umschriebene Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten, die nicht alleine durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine eindeutig unangemessene Beschulung erklärbar ist."

Beide Definitionen gehen von einer zumindest durchschnittlichen Intelligenz des Kindes aus. Diese Sichtweise erfährt unseres Erachtens vollkommen zu Recht Kritik sowohl aus der Schul- als auch der Therapiepraxis. Dies vor allem aus folgenden Gründen:

  • Zur Messung der allgemeinen geistigen Fähigkeiten des Kindes werden in aller Regel Intelligenztests angewandt.
    Es ist hier zu bedenken, daß diese Tests häufig nicht unwesentlich streuen. Zudem spielt die Tagesform des Kindes eine Rolle. Auch ist zu bedenken, daß rechenschwache Kinder aufgrund zum Teil jahrelanger Versagenerlebnisse in Prüfungs- und Testsituationen mit starken Ängsten reagieren. Dies kann ein Testergebnis deutlich verzerren.
    Problematisch bei vielen häufig angewandten IQ-Tests ist zudem, daß eine wesentliche Unterabteilung wiederum Rechnen, Zahlen, Zahlengefühl und routinierten Umgang mit Quantitäten und Zahlenfolgen (siehe z. B. Zahlenfolgen-Test des CFT 20) verlangt - was rechenschwache Kinder ja bekanntlicherweise nicht leisten können - jetzt aber als Ausweis von Intelligenz gefragt ist.

  • Auch was den Begriff der 'Intelligenz' selbst anbetrifft, herrscht immer noch Unklarheit darüber, wie dieser überhaupt zu definieren ist. Die Messung eines IQs mit entsprechenden Testverfahren werden heute kritischer betrachtet; insbesondere der IQ-Test als diagnostisches Instrument zur Feststellung der Förderwürdig- bzw. -bedürftigkeit von Kindern und Jugendlichen wird stark in Zweifel gezogen, und dies zum Teil von den Autoren der entsprechenden Verfahren selbst!

    "Es wird nicht mehr angezweifelt, daß der Intelligenztest bestenfalls einen intellektuellen Status registriert, daß solche "Daten" mit Fehlern behaftet sind, nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Gegebenheiten entsprechen, die man letztlich nicht einmal definieren kann (Intelligenz), über die Beeinträchtigungen bedingenden Faktoren nichts ausgesagt wird. Ein Intelligenzquotient ergibt ferner kaum Informationen über die zukünftige Lernfähigkeit eines Menschen."
    (Aus: K. Bundschuh - Einführung in die sonderpädagogische Diagnostik)

    "Diese prinzipielle Mehrdeutigkeit des Wechsler-IQs läßt es nicht angeraten erscheinen, den IQ zur Grundlage von therapeutischen oder pädagogischen Empfehlungen und Maßnahmen zu machen."
    ...
    "Zusätzlich muß berücksichtigt werden, daß ein niedriges Testergebnis keinesfalls bedeutet, daß der Proband unintelligent ist, ein gutes Testergebnis jedoch nicht von unintelligenten Personen erzielt werden kann. Aufgrund eines Testergebnisses im HAWIK-R oder irgendeines anderen Intelligenztests kann nie die Feststellung abgesichert werden, daß ein Kind sonderschulbedürftig ist."
    (Aus: Titze, Tewes - Mesung der Intelligenz bei Kindern mit dem HAWIK-R)

  • Insbesondere von sonderpädagogischer Seite wird häufig darauf verwiesen, daß es bei allgemein lernschwachen Kindern einen signifikanten Unterschied zwischen den mathematischen und den sonstigen Leistungen des Kindes gibt. Da diese Kinder in aller Regel durch das "Intelligenz-Raster" fallen oder bereits gefallen sind, kann nach den beiden oben ausgeführten Definitionen keine Rechenschwäche diagnostiziert werden, obwohl die Kinder eindeutig rechenschwach sind! Als Folge werden therapeutische Maßnahmen bei diesen Kindern völlig zu Unrecht nur selten unterstützt und für wenig hilfreich erachtet (unsere Erfahrungen fallen deutlich anders aus). Eine solche Ausgrenzung halten wir für den falschen Weg

  • “Der Vergleich mit den Leistungen in anderen Fächern ist unzureichend. Eine Dyskalkulie hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. Zudem zeitigt jahrelanger Mißerfolg in einem solch zentralen Fach fächerübergreifende Auswirkungen. Die Pädagogik spricht vom "Teufelskreis Lernstörung": die Kinder beginnen, sich an ihrem (über die Jahre anhaltenden) Mißerfolg zu orientieren. Dieser greift auf die anderen Fächer über. Schulunlust, Schulangst sind nicht selten die Konsequenzen. Die üblichen Mittel und Möglichkeiten von Schule und Unterricht versagen nun notwendig."
    (Alexander v. Schwerin - Leitung des Instituts zur Behandlung der Rechenschwäche in München.




Die Zahl der Autoren, die sich mit dem Problem der Rechenschwäche beschäftigt haben, hat in de letzten Jahren zugenommen. So geht LORENZ (1990/91) davon aus,

"daß mindestens 15% eines Schülerjahrganges Minderleistungen im Rechnen aufweisen, die durch den erteilten Unterricht nicht aufgefangen werden können."
Demnach also rechenschwach sind! Er führt weiter aus: "Dabei handelt es sich auf keinen Fall um Schülerinnen und Schüler, denen man eine Dyskalkulie bescheinigen könnte." Also keine Rechenschwäche haben! Dieser scheinbar offensichtlich auf der Hand liegende Widerspruch löst sich wiederum in der Schwierigkeit der Definitionsfrage, was nun eine Rechenschwäche bzw. Dyskalkulie ist, auf. Angesichts dieser Debatte verfiel man in puncto Dyskalkulie nicht in die Fehler der damaligen Legastheniediskussion und verlor Zeit mit umfangreichen, teils ergebnislosen Theoriedebatten und Fragen zur Terminologie. Daher wurde im deutschsprachigen Raum "das Definitionsproblem zurückgestellt und hat der mathematikdidaktischen Frage nach a) den Ursachen der Rechenschwäche uns b) den Möglichkeiten ihrer Erkennung und Behebung Platz gemacht. Das heißt, es werden alle Schüler einbezogen, die einer Förderung jenseits des Standardunterrichts bedürfen." (Lorenz 1991) Womit wir wieder am Anfang aller Überlegungen sind: "Was ist nun Rechenschwäche? Es gibt bis heute keine allgemein gültige Definition. Um auch Schülerinnen jenseits des Standards mit einzubeziehen, soll nicht eine arithmetische Minderleistung bei mindestens durchschnittlicher Intelligenz, sondern eine relative Minderleistung auf jeder Intelligenzstufe angenommen werden. Also: Wer nicht rechnen kann, ist rechenschwach." (Learn-line-NRW)

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